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Warum die Ukraine in die EU soll? Weil ich es so will, weil ich es möchte, weil ich es mir wünsche, ja: im Augenblick mir es gar nicht anders vorstellen kann. Es geht einfach nicht anders, für mich. In einem ernsthaften publizistischen Diskurs eher schwache Argumente? Gewiss. Sehe ich ein. Ich bin aber von der Zeitung nach meiner Meinung gefragt worden, und eine bessere kenne ich nicht und kann ich nicht geben.

Ja, übrigens: Was wäre dieses Andere? Der Rückfall an das Möchtegern-Imperium Russland? Ist wirklich nicht das, was ich will. Ist das etwa das, was die EU will? Glaube ich nicht. Möchte ich zumindest nicht glauben.

Eine graue Pufferzone, die aufgrund permanenter Unentschiedenheit ihres Schicksals eine dauerhafte Quelle von allen möglichen Qualen darstellt? Die Qualen sind das, was ich täglich beobachte und manchmal auch zu spüren bekomme, ein ukrainisches Problem sui generis ist das aber nicht. Die EU wird sich davon nie gänzlich abgrenzen können. Die Unentschiedenheit dämpft nicht die Probleme, mildert sie nicht, auch kann man sie nicht auslagern. Die ukrainische Unentschiedenheit gebiert vielmehr die Probleme, auch für die EU.

Eine autonome, neutrale und souveräne Größe werden vielleicht? In diesem Teil Europas? Unter den heutigen Umständen? Glauben Sie das wirklich? Ich nicht. Also, sie muss entschieden werden, die ukrainische Zugehörigkeit. Die Entscheidung steht nicht nur an, sie wird jeden Tag dringlicher.

In der Ukraine selbst ist diese Entscheidung längst gefallen. Die meisten Bürger sind - im Unterschied zu der Sache mit dem Nato-Beitritt - für die Integration. Nicht nur mit der EU, sondern auch in die EU. Alle relevanten politischen Kräfte ebenfalls. Auch die politische Führung. Woher diese Einheit? Ganz einfach: weil die Ukraine ein europäisches Land ist und willens, der EU beizutreten. Dieser Wille ist nicht ganz neu, mindestens ein Jahrzehnt alt ist er. Es hat sich so viel Frust angestaut, dass der Wille an Begierde grenzt, an Begehrlichkeit. Allein mit der Lust auf mehr Lebensqualität, mehr Sicherheit, höhere zivilisatorische Standards (ökologische inklusive), mehr Bewegungsfreiheit - als ob das wenig wäre! - ist die Sache aber nicht erklärt. Es ist der Glaube an dieses Modell und der Wille zur Zukunft.

Es gibt tatsächlich viele, denen die Idee Europas etwas bedeutet. Ich gehöre dazu. Mir liegt daran, dass Europa "ganz" wird. Es liegt mir daran, dass meine Landsleute sich als Europäer verstehen und fühlen, und nicht sagen (egal ob in Lemberg oder Charkiw): Nächste Woche gehe ich nach Europa, womit sie die EU meinen. Ich will also nicht, dass die EU diesen Namen für sich usurpiert, und dass sich die Menschen in den Nicht-EU-Ländern - zumindest nicht so leichtfertig - dieses Namens entledigen. Denn wir werden es noch brauchen. Alle. Und wenn schon Europa mit der EU identisch werden sollte, dann will ich bitte schön auch dazugehören.

Ich möchte nicht als Nachbar behandelt werden, nicht einmal als guter. Ich möchte auf die EU nicht nur sauer oder eifersüchtig sein können, sondern auch stolz. Das geht nur, wenn man dazugehört.

Ich möchte nicht auf das Gefühl Europas verzichten, das für meine Großeltern selbstverständlich war: Geburtsort Ostgalizien, Urlaubsorte Adria und Norwegen, Studienort Karlsruhe, Arbeitsort Wien, Kurort Bad Nauheim, Sterbeort Ostgalizien. Ich möchte mir allerdings zwei Orte aus dem europäischen Lebenslauf meiner Großeltern ersparen: den Kampfort an der italienischen Front im Ersten Weltkrieg und den Verbannungsort Sibirien nach dem Zweiten Weltkrieg. Dass das etwas weniger wahrscheinlich wird, verbinde ich mit der Zugehörigkeit zur EU.

Ich möchte Gefühle haben dürfen und nicht Ressentiments, ich möchte, dass wir sentimentale Europäer werden und nicht "ressentimentale". Nur den Wenigsten ist heute die einstige, gar nicht so lang zurückliegende, selbstverständliche Einheit Alteuropas bewusst. Ich möchte deshalb auch nicht, dass die EU-Europäer mich als Teil dieses Alteuropas verdrängen oder beweinen.

Vor einigen Jahren hat ein Wort Furore gemacht: altes Europa, neues Europa. Der Mann, auf den es zurückgeht, hat die große Bühne verlassen, sein unseliges Wort ist aber geblieben. Mir gefällt diese Teilung nicht. Aber aus anderen Gründen. Wir sind nämlich Alteuropa: Ukraine, Belarus, Moldowa. Auch für Russland habe ich dort Platz parat, das muss es aber selbst wollen, sonst kann ich nichts dafür. Wir sind Alteuropa im doppelten Sinne: als Teil Alteuropas von einst und als Teil des unmodernisierten Europas, das in der EU, von der EU, durch die EU jetzt - ohne böse Absicht - enteuropäisiert und marginalisiert wird.

Die EU ist Neueuropa, und zwar die ganze EU: als Selbsterfindung, als Selbstfindung, als Selbstsinngebung, als Selbstmodernisierung, als Suche schließlich. Das ist wirklich betörend neu. Wir brauchen diese Erneuerung an Ideen, an Technologien, an Lebensformen. Ihr braucht die Erneuerung, indem Ihr Euch des vergessen geglaubten Alten besinnt. Wir müssen etwas von unserem Zynismus ablegen, Ihr von Eurer Ignoranz. Wir brauchen Euch, Ihr braucht uns. Wir brauchen das Gefühl der Zugehörigkeit, ihr braucht das der Gänze. Wir auch. Wir sind auch bereit, aufs Ganze zu gehen.
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